
Auf KI reagieren viele Beratungsführer mit demselben Reflex und stellen weniger Juniors ein, weil sich Analysearbeit automatisieren lässt. Doch genau diese Entwicklungsstufe bildet zukünftige Projektleiter aus, die hybride Teams aus Menschen und Agenten führen müssen. Wer sie heute abbaut, steht in drei bis fünf Jahren vor einem Engpass, den keine Technologie mehr schließen kann.
In jedem Beratungsprojekt gibt es diese eine Folie. Sie zeigt das Projektteam, Namen, Rollen, ein Foto, manchmal ein Organigramm mit Reporting-Linien. Über Jahrzehnte war diese Folie ein verlässliches Stück Beratungsalltag, austauschbar von Projekt zu Projekt, aber immer nach demselben Muster gebaut. Was sich gerade ändert, ist nicht das Format dieser Folie. Es ist ihr Inhalt.
Dominik Steffani, Partner bei H&Z Management Consulting, einer der größten Einkaufs- und Performance-Beratungen im deutschsprachigen Raum, beschreibt diese Verschiebung so nüchtern, dass ihre Tragweite leicht übersehen wird. Eine Projektteam-Folie besteht nicht mehr nur aus Namen von Kolleginnen und Kollegen, sondern „auch Agenten", sagt Dominik. Was zunächst wie eine technische Randnotiz klingt, verändert tatsächlich die Grundarchitektur der Beratungsarbeit.
Die naheliegende Schlussfolgerung aus dieser Entwicklung wäre, dass menschliche Rollen in solchen Teams an Bedeutung verlieren. Weniger Analystenstellen, schlankere Teams, mehr Automatisierung. Dominik zieht den gegenteiligen Schluss. Die wichtige Rolle bleibe „weiterhin der Projektleiter […], der ein bionisches Team aus Mensch und Maschine führen muss". Nicht die Führungsrolle wird kleiner, wenn Agenten Teil des Teams werden. Ihre Anforderungen wachsen.
Das ist der Ausgangspunkt für ein strategisches Problem, das die meisten Beratungsführungen derzeit falsch adressieren. Sie stellen sich die Frage, wie viele Juniorpositionen sich durch KI einsparen lassen. Dominik stellt eine andere Frage. Wo genau entsteht die Fähigkeit, ein bionisches Team aus Menschen und Agenten tatsächlich zu führen, und was passiert mit dieser Fähigkeit, wenn die Entwicklungsstufe wegfällt, auf der sie entsteht?
Wie ein Projektleiter lernt, ein bionisches Team zu führen, ist keine Frage, die sich auf der Projektleiterebene selbst beantworten lässt. Diese Fähigkeit „wurde über die typischen Schritte in der Beratung entwickelt, dass jemand als Junior angefangen hat […] und dann […] Projekte geleitet hat", erklärt Dominik. Wer heute Projektleiter führt, hat gestern als Junior gelernt, Probleme zu strukturieren und Ergebnisse zu prüfen. Verantwortung kam schrittweise dazu.
Genau dieser Werdegang steht zur Disposition, wenn Beratungen ihre Einstiegsmodelle allein unter Kostengesichtspunkten neu denken. Die naheliegende Reaktion, Junioreinstellungen zurückzufahren, weil sich klassische Analysearbeit automatisieren lässt, verwechselt die Aufgabe mit der Entwicklungsstufe. Dominik widerspricht dieser Gleichsetzung direkt. Der Junior werde „eben diese Analysen nicht mehr in Excel durchführen […], sondern eben mit den AI-Tools". Die Stufe selbst bleibt bestehen, nur ihr Inhalt verschiebt sich.
Diese Verschiebung ist mehr als ein Werkzeugwechsel. Sie verändert, was ein Junior in den ersten Berufsjahren tatsächlich lernt. Wer früh mit KI-Tools arbeitet, lernt nicht in erster Linie Excel-Formeln, sondern etwas, das später zur zentralen Führungsfähigkeit wird. „Desto früher er diesen Umgang lernt […] und die Ergebnisse zu validieren und überprüfen, desto leichter wird er […] ein bionisches, gemischtes Team führen." Die Fähigkeit zur hybriden Führung entsteht damit nicht am Tag der Beförderung zum Projektleiter. Sie wird über Jahre angelegt, beginnend genau in jener Rolle, die aktuell am ehesten zur Disposition steht.
Ein Baustein hinzufügen reicht dabei nicht aus. Dominik macht einen Punkt, der in der aktuellen KI-Debatte oft übergangen wird. Ausbildung neu auszurichten bedeutet nicht, KI-Kompetenz einfach zum bestehenden Curriculum zu addieren. „Wenn man was Neues einführt, dann [hat man] auch weniger von dem Alten." Wer Juniors weiterhin in vollem Umfang in klassischer Excel-Analyse schult und KI-Anwendung obendrauf packt, überlastet die Entwicklungsstufe, statt sie neu zu ordnen. Die eigentliche Managemententscheidung betrifft weniger die Frage, ob KI-Training stattfindet. Sie betrifft die Frage, welche der etablierten Ausbildungsinhalte dafür bewusst zurückgefahren werden.
Wie schwer diese Neuordnung fällt, hängt dabei sichtbar von der Struktur der Beratung selbst ab. Große Strategieberatungen verfügen laut Dominik über die Skalierung, um große Ausbildungsprogramme neu aufzusetzen. Kleinere Plattformen wie H&Z könnten sich ohne historisch gewachsene Legacy-Strukturen vergleichsweise flexibel anpassen. Am schwersten trifft es aus seiner Sicht die Beratungen in der Mitte, die über feste, seit Jahrzehnten etablierte Ausbildungstracks verfügen und diese nun in einem ohnehin schwierigeren Marktumfeld umbauen müssen. Die Fähigkeit zur Neuausrichtung der Talentpipeline ist damit selbst eine Führungskompetenz, keine reine Trainingsfrage. Und sie ist umso dringlicher, je stärker die eigene Organisation an etablierten Strukturen hängt.
Die strategische Konsequenz daraus ist unbequem für jede kurzfristige Kostenrechnung. Wer die Ausbildung von Juniors heute reduziert, kappt nicht nur eine Kostenstelle. Er unterbricht den einzigen Prozess, über den seine künftigen Projektleiter entstehen, und zwar an einem Punkt, an dem die eigene Organisationsstruktur die Kosten dieser Entscheidung erst Jahre später sichtbar macht.
Was bedeutet es konkret, ein bionisches Team zu führen? Ein Teil der Antwort liegt in der Qualitätskontrolle. KI-Systeme liefern Ergebnisse schnell und meist plausibel klingend, was genau das Risiko erzeugt, dem ein Projektleiter aktiv entgegenwirken muss. Es geht darum, „dass man nicht jeden Shortcut […] sofort nimmt […] und dann zu voreiligen Schlüssen, die recht plausibel ausschauen, kommt", sagt Dominik. Plausibilität ist kein Ersatz für Prüfung, sie ist der Grund, warum Prüfung wichtiger wird als zuvor.
Dominik nennt das Problem beim Namen. Was in der Branche verniedlichend als Halluzination bezeichnet wird, sind schlicht falsche Inhalte, die ein Team möglichst schnell erkennen und korrigieren muss, bevor sie in die nächste Iteration einfließen. Diese Herausforderung ist nicht neu, sie war schon vor KI Teil jeder Beratungsarbeit, nur eben langsamer. Der natürliche menschliche Reflex, den leichtesten Weg zu wählen, trifft nun auf ein Werkzeug, das genau diesen leichtesten Weg in Sekunden liefert. Die Führungsaufgabe verschiebt sich entsprechend, weg von der reinen Ergebniskontrolle, hin zur ständigen Kalibrierung, wo ein Shortcut Zeit gewinnt und wo er in die falsche Richtung führt.
Der andere Teil hat mit Technologie zunächst wenig zu tun. Dominik beschreibt den Anspruch an diese Führungsleistung ungewöhnlich persönlich:
„Der andere Teil, der mindestens genauso wichtig ist: Wie motiviere ich das Team eigentlich? Wie stelle ich sicher, dass sie jeden Morgen aufstehen und sich darauf freuen, an dem Projekt zu arbeiten? Und ja, im optimalen Fall auch Follower von mir sind, die mit mir auch das nächste Projekt machen wollen und letztendlich im optimalen Fall gemeinsam mit mir die Karriere machen."
Ein bionisches Team besteht nicht nur aus Agenten, die korrekt eingesetzt werden müssen. Es besteht weiterhin aus Menschen, die Orientierung und Anerkennung brauchen, ein Gefühl dafür, dass die eigene Arbeit einen Sinn hat, gerade wenn sich diese Arbeit durch KI grundlegend verändert. Führung wird damit zur Voraussetzung für genau jene Talentbindung, die Beratungen brauchen, um ihre eigene Pipeline zu erhalten.
Interessant ist, dass Dominik diese beiden Stränge nicht getrennt behandelt. Agenten würden zunehmend wie Kolleginnen und Kollegen behandelt, „wo man eben auch […] mit den Agenten spricht, so wie man auch mit Kollegen spricht". Führung wird dadurch nicht technischer. Sie wird konsistenter, weil dieselbe Führungslogik, klare Erwartungen und ehrliches Feedback, auf Menschen und Agenten gleichermaßen angewendet wird. Zugleich bleibt eine Grenze bestehen, die Dominik selbst benennt. KI arbeite bestehendes Wissen in neuer Form statistisch auf, ohne von sich aus über das Bekannte hinauszuwachsen. Die eigentliche Führungsleistung besteht deshalb darin, Agenten gezielt an den Stellen zu fordern, an denen echte Weiterentwicklung nötig ist, und sie dort zurückzuhalten, wo sie ihre Grenzen erreichen. Diese Kalibrierung kann kein System selbst leisten. Sie bleibt beim Menschen.
Zu beiden Anforderungen kommt eine dritte hinzu, die nach außen wirkt. Schnellere interne Analysen erzeugen nicht automatisch schnellere Kundenorganisationen. „Die Kunden […] muss ich ja auch auf einer beschleunigten Transformationsreise mitnehmen", erklärt Dominik. Wer schneller zu Ergebnissen kommt, hat gleichzeitig weniger Zeit, den Kunden von der Notwendigkeit dieser Ergebnisse zu überzeugen. Der Projektleiter synchronisiert damit drei unterschiedliche Geschwindigkeiten gleichzeitig, die der Technologie, die des eigenen Teams und die des Kunden. Keine dieser drei Aufgaben lässt sich delegieren oder automatisieren. Alle drei verdichten sich in einer einzigen Rolle.
Wenn jede Beratung dieselben KI-Tools nutzt, um dieselben Analysen schneller zu liefern, verschwindet genau der Unterschied, der Beratungsleistung überhaupt wertvoll macht. Dominik formuliert diese Gefahr direkt. „Wenn wir nur auf die Beschleunigung gehen, dann werden wir uns auch obsolet machen […] weil dann werden wir irgendwo im Durchschnitt landen." Geschwindigkeit ist kein Differenzierungsmerkmal mehr, sobald sie jedem zur Verfügung steht. Sie wird zur Grundvoraussetzung, unter der sich echte Differenzierung erst entscheidet.
Was diese Differenzierung stattdessen trägt, benennt Dominik konkret. „Neugierde wird noch viel wichtiger […] und als Methodik Fragen stellen. Fragen stellen, anstatt zu erklären." Diese Verschiebung trifft den Kern dessen, was ein Projektleiter in einem hybriden Team eigentlich leisten muss. Wer nur die schnellste plausible Antwort eines Systems weiterreicht, produziert Durchschnitt. Wer stattdessen fragt, ob diese Antwort tatsächlich die relevante Frage beantwortet, schafft den Raum, in dem sich Beratungsqualität von reiner Automatisierung unterscheidet.
Wie diese Fragekultur praktisch aussieht, lässt sich an einem eigenen Lernprozess von H&Z ablesen. Anfangs sei das Team sehr systematisch vorgegangen, habe Pain Points identifiziert, mögliche KI-Anwendungen abgeleitet und priorisiert, welche zuerst umgesetzt werden. Ein sinnvoller Ansatz, wie Dominik selbst einräumt, dem aber ein Zwischenschritt fehlte. Inzwischen arbeitet sein Team bei Kunden stärker Bottom-up mit den Mitarbeitenden zusammen, um herauszufinden, „wo drückt deren Schuh", und darauf aufbauend kleinere, gezielte Agentenlösungen zu identifizieren und umzusetzen. Diese Lösungen würden genutzt, weil sie an einer tatsächlich empfundenen Stelle ansetzen, was die Akzeptanz gegenüber top-down verordneten Tools deutlich übersteigt. Genau das ist gelebte Neugier statt Erklärung, nicht die Frage, welche KI eingesetzt wird, sondern wo genau es drückt, bevor überhaupt eine Lösung angeboten wird.
Diese Fähigkeit lässt sich nicht anhand offensichtlicher Merkmale erkennen, und genau hier korrigiert Dominik eine verbreitete Annahme. Die Akzeptanz gegenüber KI verläuft aus seiner Beobachtung „nicht so sehr […] altersabhängig". Es wäre bequem für Beratungsführungen, künftige Projektleiter über eine simple Digital-Native-Logik zu identifizieren, jüngere Jahrgänge automatisch als geeigneter einzustufen. Diese Annahme hält der Praxis nicht stand. Neugier und die Bereitschaft, Fragen zu stellen statt Antworten zu erklären, sind keine Generationenmerkmale. Sie sind eine Haltung, die sich unabhängig vom Alter entwickeln oder eben nicht entwickeln lässt.
Ein Talentmodell, das sich an Altersannahmen statt an beobachtbarer Neugier und Fragekultur orientiert, trifft die Auswahl anhand des falschen Kriteriums, und genau diese Auswahl entscheidet am Ende über die Differenzierung der gesamten Beratung.
Was für einen einzelnen Projektleiter gilt, lässt sich auf die gesamte Organisation übertragen. Wenn diese Rolle wichtiger wird, verändert das die Form der Beratung selbst. „Meine Hypothese ist schon, dass die Pyramiden breiter werden, eben weil gerade auch dieser Mittelbau, der Projektleiter, […] signifikant an Gewicht gewinnen wird", sagt Dominik. Die klassische Beratungspyramide, viele Juniors an der Basis, wenige Partner an der Spitze, verschiebt sich zu einer Struktur, in der die mittlere Ebene zum eigentlichen Engpass und damit zur eigentlichen Investition wird.
Diese Verschiebung wirft eine Frage auf, die zunächst überraschend klingt. Wenn Agenten Teil des Projektteams werden, wer führt eigentlich die Agenten selbst? Dominik verweist hier auf eine Struktur, die bereits entsteht. „Auch die Agenten, die kommen ja nicht aus dem Nichts. […] Da wird es wahrscheinlich ein Team geben, das […] diese Agenten-Consultants entsprechend managt und stafft." Diese Governance-Ebene organisiert, wer Agenten bereitstellt und im Bestand verwaltet. Die tägliche Zusammenarbeit im Projekt ist davon getrennt zu betrachten. Ein bionisches Team benötigt damit nicht nur einen Projektleiter, der Menschen und Agenten im Tagesgeschäft gemeinsam führt. Es benötigt im Hintergrund eine eigene Struktur, die die Agenten selbst wie eine Ressource verwaltet, ähnlich wie Staffing heute menschliche Berater über Projekte hinweg koordiniert.
Diese doppelte Führungsstruktur, Projektleiter für das operative Team, ein Managementteam für die Agenten im Hintergrund, deutet an, wie tief die Konsequenzen der eingangs beschriebenen Teamfolie tatsächlich reichen. Was als Detail auf einer Organigramm-Folie begann, verändert am Ende, wie viele Führungsebenen eine Beratung überhaupt braucht und wo genau diese Ebenen künftig ansetzen.
Diese interne Neuordnung bleibt nicht folgenlos für die Kundenbeziehung. Noch fragen Kunden laut Dominik nicht systematisch danach, welche KI für welchen Projektschritt eingesetzt wird und welchen Effizienzgewinn das konkret bringt. Qualitativ komme diese Frage zwar bereits auf, bepreist oder bewertet werde sie aber noch nicht. Dominik geht davon aus, dass sich das ändert, und dass Beratungen darauf vorbereitet sein müssen, den eigenen KI-Einsatz gegenüber Kunden nicht nur zu erklären, sondern auch zu begründen.
Damit verschiebt sich auch die Logik der Vergütung selbst. Dominik beobachtet, dass Kunden in dieser Übergangsphase verstärkt zu variablen, erfolgsabhängigen Vergütungsmodellen tendieren, teils aus einem Sicherheitsbedürfnis gegenüber neuen Methoden, teils weil KI die Bewertung der zuvor definierten Erfolgsfaktoren selbst beschleunigt und von reiner Erfahrung unabhängiger macht. Wo sich Erfolg schneller und valider messen lässt, wird erfolgsabhängige Vergütung praktikabler und damit relevanter. Was zunächst wie eine Randfrage der Vertragsgestaltung wirkt, ist tatsächlich eine direkte Folge derselben Entwicklung, die zuvor die interne Teamstruktur verändert hat.
Für Beratungsführungen heißt das, die Investition in den Mittelbau ist keine Ermessensfrage, die sich gegen andere Kostenblöcke abwägen lässt. Sie ist die strukturelle Voraussetzung für eine Organisationsform, die mit hybriden Teams überhaupt funktionieren kann, und die zugleich auf eine veränderte Erwartungshaltung der eigenen Kunden vorbereitet sein muss.
Am Ende führt die Frage zurück zu jener Folie, mit der dieser Artikel begann. Was zunächst wie eine technische Aktualisierung wirkte, ein paar zusätzliche Namen unter der Rubrik Agenten, erweist sich als Neuordnung dessen, wie eine Beratung ausbildet und wie sie organisiert ist. Sogar die Abrechnung mit den eigenen Kunden gehört dazu. Technologie ersetzt den Projektleiter nicht, sie macht ihn unverzichtbar.
Gefragt, wie er sich seine eigene Zukunft in einem solchen Set-up vorstellt, antwortet Dominik unprätentiös. Er hoffe auf einen starken Sales-Agenten, der ihm Freiraum schafft, und darauf, mehr Zeit direkt bei seinen Kunden verbringen zu können, stärker vor Ort, näher am eigentlichen Geschäft. Es ist eine bemerkenswert unspektakuläre Vision für eine Technologie, die in vielen Führungsetagen mit deutlich größerer Dramatik verhandelt wird. Keine Rede von Disruption oder Ersetzung. Nur die Aussicht, dass die gewonnene Zeit dort landet, wo sie für Dominik am meisten zählt, im direkten Kontakt mit den Menschen, für die er arbeitet.
Die Entscheidung, wie viele Juniors eine Beratung heute noch ausbildet, ist zugleich eine Entscheidung darüber, ob dieser Kontakt in einigen Jahren noch von denen gehalten werden kann, die ihn heute lernen sollten.
Der Deep Dive zeigt, dass der eigentliche KI-Engpass für Beratungen nicht in der Technologie liegt, sondern in der Frage, wer künftig hybride Teams aus Menschen und Agenten führen kann. Für Partner und Geschäftsführungen verschiebt sich damit die zentrale Führungsfrage von „Wo sparen wir Kapazität?" zu „Wie sichern wir die Entwicklung unserer künftigen Projektleiter?" Die folgenden zehn Fragen liefern die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen dazu.
Ein bionisches Team besteht aus Menschen und KI-Agenten, die gemeinsam an einem Projekt arbeiten, nicht als getrennte Ressourcen, sondern als ein Team, das aktiv geführt werden muss. Projektteam-Folien zeigen künftig nicht mehr nur Namen von Kolleginnen und Kollegen, sondern auch Agenten. Für Beratungsführungen bedeutet das, Delivery-Modelle müssen Agenten als feste Teamressource mitdenken, nicht als externes Werkzeug.
Die Fähigkeit, ein bionisches Team zu führen, entsteht über die typischen Karrierestufen der Beratung, beginnend als Junior. Wer heute Junior-Ausbildung zurückfährt, weil sich Analysearbeit automatisieren lässt, unterbricht genau den Prozess, aus dem künftige Projektleiter entstehen. Wenn Führungsteams diese Kausalität ignorieren, entsteht der Engpass nicht durch fehlende KI-Kompetenz, sondern durch fehlende Führungskompetenz in drei bis fünf Jahren.
Ein klares Warnsignal ist die Annahme, KI-Akzeptanz sei eine Altersfrage, jüngere Jahrgänge würden automatisch besser mit KI arbeiten. Die Beobachtung aus der Praxis zeigt jedoch, dass Akzeptanz nicht altersabhängig verläuft. Beratungen, die Talentförderung an Digital-Native-Annahmen statt an beobachtbarer Neugier und Fragekultur ausrichten, wählen ihre künftigen Projektleiter nach dem falschen Kriterium aus.
Der Projektleiter ist die am stärksten betroffene Rolle. Er muss künftig KI-Ergebnisse kritisch validieren, Aufgaben zwischen Menschen und Agenten verteilen, die menschliche Seite des Teams motivieren und Kunden durch eine beschleunigte Transformationsreise führen. Dieselbe Führungslogik, klare Erwartungen und Feedback, wird künftig auf Menschen und Agenten gleichermaßen angewendet. Die Rolle wird dadurch komplexer, nicht einfacher.
Das Risiko ist ein struktureller Führungsmangel in drei bis fünf Jahren. Wer jetzt „komplett auf die Bremse geht", steht in wenigen Jahren ohne ausreichend Projektleiter da. Wenn Beratungen die Junior-Stufe als reine Kostenstelle behandeln statt als Entwicklungsstufe für hybride Führung, fehlt später genau die Führungstiefe, die für Wettbewerbsfähigkeit im KI-Zeitalter nötig ist.
Aktuell fragen Kunden noch nicht systematisch danach, welche KI für welchen Projektschritt eingesetzt wird und was das an Effizienz bringt. Das dürfte sich ändern, Kunden werden diesen Einsatz künftig aktiv bewerten und bepreisen wollen. Beratungen sollten sich frühzeitig darauf vorbereiten, ihren KI-Einsatz gegenüber Kunden wirtschaftlich zu begründen, nicht nur zu erklären.
Beratungspyramiden dürften breiter werden, weil der Mittelbau, insbesondere Projektleiter, deutlich an Gewicht gewinnt. Zusätzlich entsteht eine neue Governance-Ebene, die Agenten selbst wie eine Ressource verwaltet und staffed. Führungsteams sollten diese doppelte Struktur, operative Teamführung und Agenten-Governance, bei der Organisationsplanung mitdenken.
Neue Ausbildungsinhalte, etwa der Umgang mit KI-Tools und Ergebnisvalidierung, müssen bewusst etablierte Inhalte ersetzen, statt einfach ergänzt zu werden. Plattformen mit weniger Legacy-Strukturen können sich dabei flexibler anpassen als Beratungen mit über Jahrzehnte gewachsenen, festen Ausbildungstracks. Führungsteams sollten aktiv prüfen, welche alten Trainingsinhalte zurückgefahren werden.
Die vorgelagerte Entscheidung betrifft die Ausbildungslogik, nicht die Personalzahl. Zuerst muss geklärt werden, wie Junior-Arbeit inhaltlich verändert wird, damit sie weiterhin auf Projektleitung vorbereitet. Wer zuerst über Headcount entscheidet und die Ausbildungsfrage danach klärt, riskiert, die Pipeline zu kappen, bevor die Ersatzstruktur steht.
Der Artikel liefert dazu keine konkreten Kennzahlen, sondern eine qualitative Beobachtung: Kundeninteresse an variabler, erfolgsabhängiger Vergütung wächst, weil sich Erfolgsfaktoren durch KI schneller und weniger erfahrungsbasiert bewerten lassen. Ein belastbares Signal für Vorbereitung ist, ob eine Beratung eigene Qualitätskontrollen für KI-Ergebnisse bereits vor Kundenanfragen dazu etabliert hat.
Die zehn Fragen zeigen einen gemeinsamen Nenner: Jede operative Entscheidung, Ausbildung, Teamführung, Kundenkommunikation, Vergütung, hängt an derselben strukturellen Voraussetzung, einer intakten Talentpipeline für hybride Führung. Wer diese Pipeline heute unterbricht, verschiebt das Problem lediglich um drei bis fünf Jahre, löst es aber nicht.
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